Bess Atwell
Manchmal braucht es einen radikalen Tapetenwechsel, um die eigene Stimme neu zu entdecken. Für die britische Singer-Songwriterin Bess Atwell bedeutete das, ihre Heimat hinter sich zu lassen und für neun Monate nach Kanada zu ziehen. Was als spontaner Neuanfang begann, entwickelte sich zum Ausgangspunkt ihres vierten Studioalbums „Cut a Figure“. Darauf zeigt sich die Musikerin so persönlich, selbstbewusst und kompromisslos wie selten zuvor.
Bereits mit ihrem 2024 veröffentlichten Album „Light Sleeper“, das in Zusammenarbeit mit dem renommierten Produzenten Aaron Dessner (The National, Taylor Swift) entstand, bewies Atwell ihr außergewöhnliches Gespür für emotionale Zwischentöne. Ihre sanfte, kristallklare Stimme und ihre feinfühligen Texte über zwischenmenschliche Beziehungen, Verletzlichkeit und Selbstfindung machten sie zu einer bemerkenswerten Stimme des britischen Indie-Folk. Für „Cut a Figure“ wagte sie nun einen weiteren Schritt aus ihrer Komfortzone. Gemeinsam mit Produzent Chris Coady, der bereits mit Beach House, Slowdive und Yeah Yeah Yeahs arbeitete, verbrachte sie drei intensive Wochen in einem Studio im kalifornischen Glendale.
Das Ergebnis ist ein Album, das nicht nur musikalisch neue Wege einschlägt, sondern auch eine tiefgreifende persönliche Entwicklung dokumentiert.
Während Atwell bislang vor allem die Beziehungen zu anderen Menschen beleuchtete, richtet sie den Blick nun verstärkt auf sich selbst. Die erste Single „The Act“ verbindet melancholischen Indie-Pop mit Einflüssen der Achtzigerjahre und erzählt davon, unterdrückte Wut endlich zuzulassen. In „I Was a Mirror“ verarbeitet sie eine gescheiterte Beziehung, während „Your Name“ das Wiederfinden der eigenen Stimme thematisiert. Auch musikalisch erweitert Atwell ihren Horizont: Sanfte Percussion, analoge Synthesizer und schimmernde Klavierarrangements verleihen den Songs eine neue Vielschichtigkeit, ohne ihre charakteristische Intimität zu verlieren. Besonders eindrucksvoll gelingt das in „Tonight I Am Allowed“, einem Stück über Selbstakzeptanz und die befreiende Erkenntnis, sich nicht länger verstellen zu müssen.
Gerade live entfaltet Bess Atwells Musik eine besondere Nähe. Schon während ihrer vergangenen Konzerte stellte sie fest, dass ausgerechnet jene Momente, in denen sie ihre Instrumente beiseitelegte und sich ganz auf ihre Stimme konzentrierte, die stärkste Verbindung zum Publikum entstehen ließen. Diese unmittelbare Ehrlichkeit prägt auch ihre neuen Songs. Im Mai nächsten Jahres kann man sich auf zwei intensive Konzertabende freuen, wenn die Singer-Songwriterin mit ihrem neuen Material nach Hamburg und Berlin kommt.