Iceage
Seit fast zwei Jahrzehnten bewegen sich Iceage an der Grenze zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Die Band aus Kopenhagen hat aus diesem Spannungsfeld ihre eigene Ästhetik entwickelt: Songs, die wirken, als würden sie im nächsten Moment auseinanderbrechen und gerade deshalb eine besondere Kraft entfalten. Mit ihrem sechsten Studioalbum „For Love of Grace & the Hereafter“ schlagen Iceage nun ein neues Kapitel auf. Die Grundspannung bleibt erhalten, doch erstmals steht nicht der drohende Zusammenbruch im Mittelpunkt, sondern etwas, das lange nur am Rand ihrer Musik auftauchte: Liebe. Dabei handelt es sich nicht um romantische Verklärung. Vielmehr durchzieht das Album eine Offenheit, die für Iceage ungewöhnlich ist. Leidenschaft und Zuneigung erscheinen hier nicht als Schutzschild gegen die Welt, sondern als treibende Kraft. Die Songs wirken heller, direkter und zugänglicher als vieles, was die Dänen zuvor veröffentlicht haben. Wer Iceage bislang vor allem mit schroffem Post Punk, Hardcore-Energie und düsterem Pathos verbunden hat, wird überrascht sein, wie viel Leichtigkeit diese Platte ausstrahlt.
Entstanden ist das Album in den legendären Silence Studios im ländlichen Schweden. Dort nahmen Iceage bereits vor zwölf Jahren „Plowing Into the Field of Love“ auf. Für eine Woche zog die Band Ende 2025 erneut in das abgelegene Haus. Die Arbeitsweise war bewusst reduziert: wenige Overdubs, lange Live-Takes, schnelle Entscheidungen. Die Stücke sollten unmittelbar wirken, roh, dringlich und ohne unnötigen Ballast. Genau das hört man den zwölf Songs an. Musikalisch präsentieren sich Iceage so fokussiert wie selten zuvor. Scharfkantige Gitarren treffen auf eingängige Melodien, hymnische Refrains auf chaotische Ausbrüche.
Das Ergebnis ist ein Album, das gleichzeitig glänzt und pulsiert. Besonders die Vorabsingle „Star“ zeigt diese neue Stärke. Ein Liebeslied, das nicht auf Sentimentalität setzt, sondern auf Bewegung, Dynamik und Euphorie. Auch „Ember“ eröffnet die Platte mit einer Aufbruchsstimmung, die sich durch das gesamte Werk zieht.
Eine wichtige Rolle spielt dabei Sänger Elias Rønnenfelt. Nach seinen Soloalben „Heavy Glory“ und „Speak Daggers“ sowie zahlreichen Kollaborationen hat er sein Songwriting weiter geschärft. Seine Texte besitzen noch immer die raue Poesie der Straße, wirken heute aber klarer und unmittelbarer. Die Zeilen entstanden erst wenige Wochen vor den Aufnahmen, was dem Album zusätzliche Dringlichkeit verleiht.
Dass Iceage heute so entschlossen klingen, hat auch mit ihrer Erfahrung auf der Bühne zu tun. Seit ihren Teenagerjahren haben sie unzählige Konzerte gespielt und sich einen Ruf als herausragende Liveband erarbeitet. Diese Energie prägt „For Love of Grace & the Hereafter“ entscheidend. Viele Songs fühlen sich an, als wären sie direkt für die Bühne geschrieben worden: kompakt, intensiv und voller Momente, die ein Publikum gemeinsam in Bewegung setzen können. Man hört die Tausenden Stunden auf Tour, die das Zusammenspiel der fünf Musiker geschärft haben.
Dabei bleiben Iceage unverkennbar sie selbst und öffnen ihre Musik zugleich für neue Hörer*innen. Die harschen Kanten sind etwas weicher geworden, ohne dass die Band an Wucht verloren hätte. Stattdessen entstehen Ohrwurmmelodien, die sich festsetzen und den Blick auf eine der spannendsten Rockbands Europas noch einmal verändern. Im Frühjahr 2027 kommen Iceage für ein Konzert nach Deutschland. Für alle, die die Intensität dieser Band einmal live erleben möchten, dürfte das eine der spannendsten Gelegenheiten des Jahres werden.