Albrecht Schrader

Donnerstag
Do 26. Januar 2023
Einlass 19 h Beginn 20 h
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VVK: 17
zzgl. Gebühr

Albrecht Schrader veröffentlichte verschiedene EPs und Singles, das Album „Nichtsdestotrotzdem“ (2017) auf dem Label Staatsakt, zuletzt erschien “Diese eine Stelle” auf dem eigenen Label Krokant (2020). Von 2016 bis 2019 leitete er für das „neo magazin royale“ das Rundfunktanzorchester Ehrenfeld. Albrecht Schrader schreibt und produziert Musik für Theater, Film, Fernsehen, Games und andere Künstler*innen. Er lebt in Hamburg.

Albrecht Schraders erstes in kompletter Eigenregie produziertes Album “Soft” fasziniert nicht nur mit einem eindrucksvoll breiten Sound- und Genre-Spektrum, in der die kompositorische Handschrift Schraders immer erkennbar bleibt, sondern auch mit Texten, die so konkret wirken wie selten zuvor: “Als ich noch jung war / Ging es mir seltsam.”

Eine Zeile aus “So weird, so gut”, der schon bald inoffiziellen Hymne aller Seltsamen. Von dort führt das Album über die heiter-melancholische Familienaufstellung “Für dich bleibe ich ein Mann” und das kryptisch erhabene “Kaktus und Büste” bis hin zum so hypnotischen wie – angesichts der aktuellen Verwerfungen beim Kurznachrichtendienst Twitter – fast schon grell gegenwärtigen Closer “Hey Adapter” (“Wo ist die Verbindung / Gib mir die Verbindung”). Mit “Soft” gelingt Albrecht Schrader ein Album von nicht nur inhaltlicher sondern gerade auch musikalischer Vielfältigkeit, das hierzulande seinesgleichen suchen dürfte. Es schließt selbstbewusst an die Tradition von Popmusik an, die sich schon immer um die Fusion von komplexer und bis ins Detail präzise auskomponierter Musik mit gleichzeitig vorzeigbarer Catchiness und Pop Appeal (Du wunderst dich über den Zeitpunkt, Cardigan of Love) gekümmert hat. Und es wirkt so, als hätte Schrader den Faden, der 2015 mit der ersten Single “Leben in der Großstadt” begann, mit seinem kommenden Album “Soft” im Jahr 2023 nun endlich entrollt.

Mit viel Freiheit kann auch viel schiefgehen. Doch mögliche Fallstricke wie zum Beispiel ein rauschhaftes Abgleiten in plumpes musikalisches Angebertum oder thematische Beliebigkeit umfährt Schrader mit schlafwandlerischer Sicherheit. “Soft” ist ein Album großer, kohärenter Aktualität, es erzählt mit unverschämter Freude von der ermüdenden Kompliziertheit des Lebens, von alternden Millennials, die sich an der Haltestelle Millerntor dann plötzlich doch langsam albern vorkommen, von der Psychotherapie, von der Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Kindern, dem widersprüchlichen Verhältnis zum Ausgehen und immer wieder, was könnte frommer sein, dem Wunsch nach Connection und Kommunikation, nach echter Verbindung im Zeitalter ihrer technischen Pausierbarkeit. Weiße Knöpfe, die eine Nachricht abspielen; die Unsicherheit darüber, ob eine Anekdote vielleicht zu banal ist, erzählt zu werden; Menschen, die auf berührende Weise versuchen, ihre Nähe zueinander nicht zu verlieren (Kleine rote Zahl, Jeden Tag ein bisschen).

„Soft“ darf so auch als Statement und Haltung verstanden werden, als eine Entscheidung zur ungebrochenen Weichheit und Verletzbarkeit, ohne jedoch für sich selbst den Anspruch auf Absolutheit zu erheben, wie es Popmusik mit Haltung heute gerne mal passiert. Auf „Soft“ wächst aus vielen (Selbst)beobachtungen ein Ganzes, das uns dann nicht mehr loslässt. Oder, um es mit Albrecht Schrader selbst in “Du wunderst dich über den Zeitpunkt” zu sagen: “Dein strahlend weißer Knopf im Ohr / Spielt Dir meine Lieder vor”. Gerne, am liebsten nochmal von vorn.

Denn meiner Meinung nach ist die neue Schrader das richtige Album zur richtigen Zeit und das gleich aus mehreren Gründen: Angefangen beim Titel, “Soft”, das wohl ohne große Diskussion zu den wohlklingendsten Wörtern der englischen Sprache gezählt werden darf, über das aus geheimnisvollen Gründen auf die Technokultur der Neunziger anspielende Artwork, das in jedem Kallax mit Vinyl-Aufbewahrungsfunktion eine gute Figur machen wird und nicht zuletzt im Licht der vorherigen Veröffentlichungen, die nun, 2022, beinahe ein bisschen wie Studien wirken, die “Soft” erst möglich machten, dieses Album, das seinen Namen wirklich ernst nimmt und daraus in einer unübersichtlichen Gegenwart eine starke Position ableitet. Ganz unironisch, kaum verrätselt, voller Wärme und tiefer Musikalität.

(Text: Dax Werner)

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